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vier Phasen nach van Gaal - Ein Einstieg in die Taktiklehre

Oft wird die Komplexität des Fußballs von Medien, Journalisten, aber auch Spielern und Trainern bis zum Maximum ausgereizt. In Zeiten, in denen Gegenpressing, Umschaltspiel und Positionsrotationen die Schlagzeilen dominieren, ist es teilweise selbst für ausgewiesene Experten unserer Sportart schwierig, den Überblick zu behalten, welche Begrifflichkeit denn nun welcher Definition angehörig ist.

 

Wer grundlegende Zusammenhänge in der Fußball-Taktik leichter verstehen und interpretieren können möchte, sollte sich ausgiebig mit dem vier-Phasen-Modell auseinandersetzen. Gerade für Trainer ist dies ein unabdingbares Handwerkszeug, das maßgeblichen Einfluss auf ihre tägliche Arbeit hat. Viele Top-Mannschaften nutzen dieses Modell als vereinfachendes Element in ihren Spielanalysen. Vor allem der ehemalige Bayern- und heute Manchester-United-Coach Louis van Gaal gilt als großer Befürworter dieser Betrachtungsweise. Viele bezeichnen ihn gar als den Architekten dieser.

Das Modell soll dabei helfen, ein Spiel unabhängig von äußeren Einflüssen wie Schiedsrichterleistungen, Formkurven, der Kulisse, dem Rasenzustand oder auch dem Spielglück zu deuten.
Es sollen Entscheidungen anhand von vier grundlegenden Spielabschnitten getroffen werden können, die in jeder Begegnung, in jeder Liga, bei jedem Spielstand und bei jeder Qualität einer Mannschaft gleichbleibend und wiederkehrend sind.
Es sind die Phasen der Organisation und Desorganisation, die Phasen des eigenen und des gegnerischen Ballbesitzes.

Phase 1 - eigener Ballbesitz, Gegner organisiert

Wer ein Freund von Modebegriffen wie Dominanz oder Tiki-Taka ist und einen derartigen Spielstil für seinen Lieblingsklub präferiert, wird sich kaum gerne damit beschäftigen, welche taktischen Maßnahmen bei gegnerischem Ballbesitz zu treffen sind. Dies muss er zumindest in der ersten Phase des Modells auch nicht.
In diesem Spielabschnitt befindet sich die eigene Mannschaft in einer sicheren Zirkulationsphase und hat die gewünschten taktischen Strukturen eingenommen. Die Organisation im Team stimmt - nun können auf Grundlage dieser Phase Möglichkeiten erarbeitet werden, wie effektiv auf diese Spielsituation reagiert werden kann.
Ziel dieser Phase ist es, die vollkommene Organisation des Gegners zu durchbrechen, Möglichkeiten gibt es dafür viele. Für viele Trainer gilt hierbei noch immer der Grundsatz: Bei eigenem Ballbesitz soll die Mannschaft maximale Breite und Tiefe erreichen, um gleichzeitig die Abstände zwischen den Spielern des Kontrahenten zu vergrößern und deren Wege in ballorientierten Verschiebebewegungen zu verlängern.

Phase 2 - Umschalten auf gegnerischen Ballbesitz, eigene Mannschaft unorganisiert

Auf einen eigenen Ballbesitz folgt früher oder später ein Ballverlust, sprich es erfolgt ein Ballbesitzwechsel. Egal ob dieser aus einem Fehlschuss resultiert, einem verlorenen Dribbling oder einem simplen Fehlpass - die eigene Mannschaft ist in dieser Phase dazu gezwungen, schnellstmöglich den Übergang von Angriffs- auf Verteidigungsspiel zu schaffen. Gerade in der Moderne wird diese Phase von Gegenpressingversuchen geprägt. Es wird also darauf verzichtet, das Umschalten auf Gegnerballbesitz als direkte Organisationsmöglichkeit zu betrachten. Vielmehr wird die sofortige Zurückeroberung des Spielgerätes angestrebt, womit gleich die dritte Phase übersprungen und das Spiel in der vierten fortgesetzt werden kann.

Phase 3 - Gegnerballbesitz, eigene Mannschaft organisiert

Ist die sofortige Rückeroberung des Balles fehlgeschlagen oder situationsbedingt schlichtweg nicht möglich, so sollte im Regelfall die nächste Phase eingeleitet werden: Der Gegner befindet sich zwar in Ballbesitz, die eigene Mannschaft hat aber ihre vorgesehenen Strukturen und im Idealfall eine horizontal und vertikale kompakte Staffellung eingenommen. Es ist also innerhalb weniger Sekunden notwendig, vom Ballverlust in seine Organisation zurückzufinden, noch bevor der Gegner das Spiel sinnvoll fortsetzen kann. Gelingt dies, ist es nun also - konträr zur ersten Phase - die Aufgabe des Kontrahenten Lösungsmöglichkeiten zu finden, um eine vorherrschende Ordnung in eine Desorganisationsphase zu bringen.

Phase 4 - Umschalten auf eigenen Ballbesitz - Gegner ist unorganisiert

Gelingt die Balleroberung aus der eigenen Ordnung heraus, gilt es wiederum schnell auf Angriff umzuschalten, um die fehlende Organisation des Gegner möglichst schnell auszunutzen. Entweder, es gelingt dann, sich durch ein konsequentes Vertikalspiel eine sofortige Torchance herauszuspielen, was im allgemeinen Fußballvokabular dann unter ein gelungenes "Umschaltspiel" fällt oder man ist darum bemüht, Kontrolle und Sicherheit über Ball und Gegner aufzubauen und verlagert das Spiel tendenziell in die Breite als riskant in die Tiefe. Dies bietet wiederum die Möglichkeit für den Gegner, sich zu organisieren. Ist ihm dies gelungen, schließt sich der Kreislauf und man kehrt in Phase 1 zurück.

Ein großes Ganzes

Wer ein Fußballspiel erfolgreich bestreiten möchte, dem muss es gelingen, die Phasen in ein harmonisches Verhältnis zu bringen. Gerade im Profibereich ist es unabdingbar, seiner Mannschaft für jeden Spielabschnitt ein klares Konzept mit auf den Weg zu geben, das erklärt, wie man vorgehen möchte, um das entsprechende Ziel zu erreichen und/oder das des Gegners zu isolieren. Es gilt, sich schon während einer Phase auf die mögliche Folgephasen einzustellen und entsprechend Vormaßnahmen zu ergreifen. Gerade in Ballbesitz machen vor allem unterklassige Mannschaften den Fehler, sich nicht auf einen möglichen Ballverlust vorzubereiten, sondern attackieren zu unbedacht und zu kollektiv. Große Teams dagegen positionieren ihre Spieler während der eigenen Zirkulationsphasen so, dass bei Balleroberung des Gegners ein sofortiger Zugriff, sprich ein Gegenpressing, möglich ist. Dies erfordert vor allem ein gutes Zusammenspiel aus individual-, gruppen- und mannschafstaktischen Leistungen. Es nützt folglich nichts, wenn ein Spieler in der Lage ist zu erkennen, dass nun eine geschlossene Verschiebebewegung notwendig ist, sich in seinem Raum aber falsch positioniert und die Passwege für den Gegner nicht effektiv schließt.
Sämtliche Probleme können nun leicht einer bestimmten Spielphase zugeordnet, anschließend analysiert und dann optimiert werden.

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