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Ausgecoacht? Kovac, Nagelsmann & die Zahlenspielchen

Auch nach über einem Jahr Amtszeit ist Niko Kovac den Stempel des Defensivtrainers noch nicht los. Und das hat seine Gründe. Denn während die Bayern gegen den Ball überzeugen konnten, mussten sich die Zuschauer offensiv häufig mit plumpen Flankenversuchen zufrieden geben. Umso verblüffender war es, dass der Rekordmeister das Gipfeltreffen in Leipzig zunächst völlig im Griff hatte. Die Bayern ließen das Leder im Stile einer echten Ballbesitzmannschaft durch die Reihen laufen. Wir wagen einen Rückblick auf das vielleicht spannendste Trainerduell der Saison: Niko Kovac gegen Julian Nagelsmann. So viel vorweg: Es war ein Aufeinandertreffen voller Umstellungen und Mathematik. Hä?

Wer nicht den ganzen Artikel lesen will:

- Die Bayern-Doppelsechs und die tolle Unterstützung am Flügel führten zu Ballsicherheit und Möglichkeiten im Spiel nach vorn

- außerdem erschwerte der tiefe Rechtsverteidiger Pavard Leipzig das Pressing 

- das aggressive 4-3-3-Angriffspressing war ein weiterer kluger Kovac-Schachzug gegen die Bullen-Dreierkette

-summa summarum: Kovacs Matchplan war dem von Nagelsmann überlegen

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Kovac tüftelt: Doppelsechs und neue Raumaufteilung 

Kovac sprach im Nachgang von “einer der besten Leistungen”, die seine Mannschaft unter seiner Leitung erbracht habe. Und tatsächlich muss man dem Kroaten eines lassen: Er scheint an den richtigen Stellschrauben gedreht zu haben. Wer behauptet hatte, Kovac könne eine Mannschaft nicht weiterentwickeln, wurde am Samstagabend eines Besseren belehrt.

Denn zum einen trug die 'neue' Doppelsechs Früchte. Mit ihr sagte Kovac nämlich einer der größten Baustellen den Kampf an: dem Spielaufbau. In der Vergangenheit hatte der Sechser oft weite Wege in Richtung Flügel. Deshalb konnte er seine Kameraden nicht immer zeitig unterstützen. Mit dem Sechserpärchen Kimmich/Thiago war nun einer der beiden stets rechtzeitig zur Stelle. Der jeweils andere schob trotzdem mit auf die Ballseite. So waren die Abstände zwischen Kimmich und Thiago nicht zu groß und sie konnten sich sogar gegenseitig anspielen. Kurzum: Bayern hatte mehr Optionen im Spielaufbau.

Die Aufteilung in der Offensive wurde von Kovac ebenfalls aufpoliert. Müller lebte sich gegen Leipzig gekonnt im rechten Halbraum aus, zeigte eine Glanzleistung. Im Verbund mit Kimmich und Außenverteidiger Pavard bedeutete das: Coman war am Flügel nicht mehr auf sich allein gestellt. Und auch auf links hatte sich Kovac einen klaren Plan zurechtgelegt: Gnabry zog es nach innen, während Hernandez dem Bayern-Spiel Breite verleihen sollte. So besetzten die Bayern die Räume viel ausgewogener als bisher. War das nun der Schlüssel zu einer Halbzeit der Extraklasse? Nicht ganz. Um die Münchener Überlegenheit zu verstehen, muss nämlich genauso das Nagelsmann-System unter die Lupe genommen werden.

Kovac-Details knocken Nagelsmanns Matchplan aus

20190428 DFL 1. Bundesliga FCN - FCB DSC 7830.jpgAuch wenn der Spruch “Fußball ist keine Mathematik” aus Reihen des Rekordmeisters stammt: Ein wenig widersprechen würden wir dennoch. Denn im Fußball geht es zumindest um Zahlenverhältnisse. Ja, richtig gehört! Eine Rechenregel des Fußball-Einmaleins lautet beispielsweise: In Überzahl lässt es sich leichter kombinieren als in Gleich- oder Unterzahl. Logisch. Was das mit Leipzig gegen Bayern zu tun hat? Ganz einfach: Von der Überzahl hatten sich die Münchener gleich eine große Portion gegönnt.

Nagelsmann hatte seine Mannschaft im 5-3-2 ins Rennen geschickt. Um es mathematisch zu halten: Wenn die Bayern eine Viererkette und zwei Sechser gegen Leipzigs Doppelsturm stellen, dann steht es im Spielaufbau 6 zu 2 für sie. Das ist natürlich eine stark vereinfachte Rechnung. Sie zeigt aber den großen Pluspunkt der Bayern in der ersten Halbzeit: Sie gewannen die Zahlenspielchen im Spielaufbau haushoch.

Dass Kovac ein paar Details gegen das Leipziger Pressing ausgetüftelt hatte, machte den Bullen das Leben doppelt schwer. Pavard stand wie schon in den Vorwochen gerne mal ein Stück tiefer als Pendant Hernandez. Was in der Mathematik die Punkt- vor Strichrechnung ist, ist in der Fußballsprache das Verteidigen von der Mitte zum Flügel. Übertragen auf das Spiel hieß das: Bullen-Achter Forsberg sollte Pavard Außen anlaufen. Zuerst aber musste er die Mitte schließen. Klar: In der Mitte steht das Tor, also hat sie Vorrang. Weil Pavard sich aber oft auf Höhe der Innenverteidiger Süle und Boateng bewegte, war Forsbergs Pressingsweg recht lang. Pavard konnte schalten und walten. Leipzig bekam keinen Druck auf den Ball.

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Als wäre das nicht genug, kam dazu bekanntlich noch die Geschichte von der Doppelsechs und der neuen Raumaufteilung in der Offensive. Kimmich und Thiago hatten gegen Leipzigs 5-3-2 keine direkte Gegenspieler. So sammelten beide Ballkontakt um Ballkontakt, ohne unter Stress zu geraten. Sie konnten direkt von den Innenverteidigern angespielt werden oder sich den Ball vom Flügel abholen.

Leipzig in Schach zu halten und die Partie zu kontrollieren, fiel den Bayern daher nicht schwer. Gleichzeitig konnten sie durch die geschickte Unterstützung am Flügel und im Halbraum immer wieder in den Rücken des Leipziger Mittelfelds spielen. Das Positionsspielflair alter Tage war zurückgekehrt. Auch wenn ebenso zur Wahrheit gehört: Mathematisch gesehen war Leipzig durch die Fünferkette zumindest hinten überlegen. Zu einem Chancenfeuerwerk kamen die Bayern deshalb auch in der ersten Halbzeit nicht. Das war durch die frühe Führung aber auch nicht notwendig. Priorität hatte, das Heft des Handelns in der Hand zu behalten und Leipzig laufen zu lassen.

Das bayerische Angriffspressing tat dazu sein Übriges. Um auch hier wieder eine Brücke zur Mathematik zu schlagen: Kovac hatte Leipzigs Dreierkettenaufbau mit einem 4-3-3 gekontert. Im Klartext: Die geplante Bullen-Überzahl im Aufbau war futsch. Leipzig versuchte zwar durch tiefe Außenverteidiger und die Mittelfeldleute Abhilfe zu schaffen. Doch egal wie viele Spieler sich im eigenen Drittel tummelten: Man bekam sie nicht ins Spiel. Bayern schob teils mit Mann und Maus in die Leipziger Hälfte, verteidigte nach vorn. Damit befand sich die Nagelsmann-Truppe im Patt. Dass man nicht Matt gesetzt wurde, lag auch an einer gehörigen Portion Matchglück. Hatte Kovac den hoch gehandelten Nagelsmann also ausgecoacht? Nein. Denn das Blatt sollte sich noch einmal wenden. Teil zwei folgt.

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Tags: FC Bayern, Niko Kovac, Bundesliga, RB Leipzig, Julian Nagelsmann, Benjamin Pavard, Thiago, Joshua Kimmich

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