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Wild-West-Taktik, Risiko, Erdbeerkuchen & ein Punkt gegen den BVB

Es ist kein Geheimnis, dass Adi Hütter die Zutaten seines Fußballs nach dem Abgang der Büffelherde neu zusammensetzen will. Vor allem das Ballbesitzspiel soll ein neues Rezept bekommen. Mehr Fußball, weniger lange Bälle, so die Devise. Ebenfalls bekannt ist jedoch, dass die neue Hütter-Kost noch nicht so ganz schmeckt. Insbesondere die Geheimzutat für das letzte Drittel fehlt. Am Sonntag aber spielte der SGE in die Karten, dass gegen den BVB ein anderes Gericht auf den Teller kam als noch in Augsburg. Eines, das schon letztes Jahr auf der Speisekarte stand. Durch diese Back-to-the-Roots-Taktik ist das Dinner zum Saisonstart immerhin nicht ganz misslungen.

Wer nicht den ganzen Artikel lesen will: 

- immer mehr Gegner haben es auf die exotische Hütter-Dreierkette abgesehen

 - Frankfurt fühlte sich gegen Dortmund in der Underdogrolle wohl

- man bediente sich der Beierlorzer-Taktik: enge Abstände, Körperlichkeit und dem BVB die Verlagerungen rauben

- nach vorn gab es einige lange Bälle, (auch) dadurch ergab sich ein offenes Spiel

Adi Hütter 2017.jpg

Hütter geht kein Pressing-Risiko

Weil uns die Essens-Metaphern so langsam ausgehen, mal auf den Punkt gebracht: Die Eintracht konnte sich gegen Dortmund wieder als gegen-den-Ball-Mannschaft ausweisen. Will heißen: Anders als in der Vorwoche, wo Frankfurt an der Ballbesitzaufgabe verzweifelt war, musste der Gegner das Spiel machen. Das ist der Eintracht in seiner fußballerischen Findungsphase lieber.

Trotzdem verzichtete Frankfurt zunächst auf das Vollgaspressing der Vorsaison. Beim 0:3 gegen Arsenal war man damit ins offene Messer gelaufen. Gegen den schwarzgelben Tempofußball wollte man daher nicht ganz so stark aufs Gaspedal treten. Das Dortmunder Team sei gefährlich, wenn es mit Tempo hinter die Abwehr käme. Diese Räume habe man so eng wie möglich halten wollen. Mit wildem Angriffspressing wäre das Risiko zu hoch gewesen, offenbarte Hütter nach dem Spiel. Im Klartext: Man wollte nicht ein zweites Mal überrannt werden. Weniger den Ball haben, um weniger Konter zu fangen. Und defensiv nicht mit zehn Mann Richtung Ball rennen, um nicht von Dortmund übertölpelt zu werden. Hütter zog seine Lehren aus Augsburg und Arsenal.

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Hütters System zwischen Genie und Wahnsinn

Gegen den BVB einen Tick tiefer zu stehen ist erstmal keine neue Erfindung. Nichtsdestotrotz war die Eintracht am Sonntag keine 08/15-Bundesliga-Mannschaft. Sie spielte ein 3-1-4-1. Das ist ungewöhnlich, weil Dreierketten defensiv oft zu Fünferketten werden. Nicht so bei Hütter.

Außerdem gibt es unter dem 49-Jährigen weder richtige Außen- noch Innenverteidiger. Beispiele gefällig? Die äußeren Innenverteidiger der Dreierkette schmeißen den Spielaufbau mal vom Flügel, mal von etwas weiter innen. Sie müssen viel gegen die gegnerischen Außen verteidigen und Dribbler wie Sancho kaltstellen. Der "normale" Innenverteidiger kümmert sich eigentlich im Zentrum um die gegnerischen Sturmhünen. Die Aufgaben des zentralen Hasebe erinnern daher noch am ehesten an einen klassischen Innenverteidiger. Das Bizarre: Der schmächtige Japaner spielte jahrelang im Mittelfeld und hat anders als Hinteregger oder Abraham nicht das Gardemaß eines robusten Abwehrchefs.

Doch genau diese untypischen Aufgaben waren Teil des Erfolgssystems im letzten Jahr. Hütter hat sich seine äußeren 'Innenverteidiger' exakt nach diesen originellen Profilen ausgeguckt. Vor allem Hinteregger liebt es, seinen wendigen Gegnern draußen am Flügel den Rang abzulaufen. Und Hasebe wiederum fühlt sich zwischen zwei schlaksigen Kollegen am wohlsten. Also alles im grünen Bereich?

Ja und nein. Hütters extreme Taktik greift dann, wenn dem Gegner schon im Spielaufbau keine Luft zum Atmen gelassen wird. Gerade in Europa war das letztes Jahr der Fall. Doch diese Saison fehlt dafür die Feinabstimmung. Frankfurt kommt nicht immer ins Pressing und Gegenpressing. Dann steht die Dreierkette schnell mal allein auf weiter Flur und muss einen riesigen Raum verteidigen. Manchmal werden aus drei Verteidigern sogar nur noch zwei, weil ein Innenverteidiger in die gegnerische Hälfte schieben muss, um dort Löcher zu stopfen. Auf diese Weise wurde die SGE-Defensive in dieser Saison mehrmals ausgehebelt. Angefangen im Pokal bei Waldhof Mannheim, über Augsburg in der Liga, bis hin zum Arsenal-Duell in der Europa League.

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Ist Hütters Dreierkette entschlüsselt?

Mit der smarteren Taktik gegen den BVB sollte die Zerbrechlichkeit der Vergangenheit angehören. Zunächst aber stand Frankfurt nicht besonders kompakt. Vornehmlich, weil sich die Flügelspieler aus den Positionen locken ließen und hinter sich Räume preisgaben. Dortmund machte das bewusst: Die Mannschaft von Lucien Favre köderte Durm und Kostic ein wenig, um dann mit Tempo in den Rücken von Hinteregger und Abraham-Ersatz Toure spielen zu können. Es hatte also mal wieder einen Kniff gegen die exotische Frankfurter Dreierketten-Taktik gegeben. Das scheint mittlerweile zum täglichen Brot der Bundesligisten zu gehören. 

Bei beiden Dortmunder Treffern hatte der Favre-Kniff seine Finger im Spiel. Hinteregger musste weit raus auf den Flügel - und in der Mitte entstanden Probleme. Die äußeren Mittelfeldspieler ergänzten die Abwehr zwar um einen weiteren Mann, wenn sie Gefahr für das Tor witterten. Das war aber nicht die Lösung des Problems. Denn die Lücken entstanden oft zwischen dem äußeren Innenverteidiger und Libero Hasebe. Manchmal eilt der Japaner seinen Kollegen gar auch noch auf der Außenbahn zur Hilfe. Wenn der Ball dort nicht gewonnen wird, ist die Mitte ganz blank.

Hütters Personalwahl und die Beierlorzer-Taktik fruchten

Ist Hütters Dreierkette mal wieder ausgecoacht worden? Wie letzte Woche gegen Augsburg? Nicht ganz. Am Ende konnte Frankfurt dem BVB einen Punkt abknöpfen. Hütters Staubsaugerwahl im Mittelfeld zahlte sich aus. Der spielstarke Kamada musste weichen. Dafür wartete die Eintracht mit einem echten Sechser und zwei Achtern auf. Fernandes ist ein guter Balleroberer alter Schule. Der Schweizer kann vor der Abwehr ordentlich zupacken. Und auch Sow und Kohr brachten eine gehörige Portion Körperlichkeit ins Eintracht-Spiel. Als Frankfurt in der zweiten Hälfte die Räume enger hielt, verwickelte man Dortmund in mehr Zweikämpfe. Die SGE nagelte den BVB mehrmals am Flügel fest und beraubte ihm damit seiner großen Stärke: den Verlagerungen auf die andere Seite.

Hütter hatte sich an der Taktik von Kölns Beierlorzer bedient: Durch kurze Distanzen zwischen allen Mannschafsteilen kappte sein Team die BVB-Sechser ab. Auch die Stürmer mussten mitarbeiten, rückwärtspressen. Spätestens damit war der schwarzgelbe Freifahrtschein für das Positionsspiel gestrichen. Wie es Hütters Matchplan eigentlich von Anfang an vorgesehen hatte.

Wie letzte Saison: Frankfurt mag es wild 

Dazu wechselte Frankfurt geschickt zwischen dem tiefen Verteidigen mit engen Abständen und hohem Pressing. Auf Letzteres reagierte der BVB mit einfachen langen Bällen. Die SGE wiederum hatte ebenso Spaß an weiten Schlägen Richtung Offensive. Schon war die Dortmunder Spielkontrolle dahin. Die Eintracht erzeugte ein Spiel, das ihr gefällt: Wild-West-Fußball, bei dem es hoch und runter geht.

Hütter hatte sich letztlich also mit neuem Personal vielen Zutaten der letzten Saison bedient. Frankfurt spielte temporeiche Flügelangriffe, Chipbälle auf die Stürmer und viele scharfe Hereingaben in den voll besetzten Strafraum. Und auch wenn er dieses Rezept eigentlich aus der Frankfurter Küche verbannen wollte: Es rentierte sich. Ein kulinarischer Höhepunkt war das SGE-Spiel vielleicht nicht. Dafür aber wurde es mit ganz viel Energie und Begeisterung angerichtet.

Ist die Eintracht zurück?

Keine Sorge: Wir sind uns bewusst, dass wir an der einen oder anderen Stelle noch an den Metaphern feilen müssen. Genauso wie die Eintracht an ihrem Spiel gegen kompakte Gegner. Am Sonntag gefiel es ihr, wieder Underdog zu sein. Dazu hatte Hütter das eine oder andere Detail klug auf den Gegner zugeschnitten. Doch wie stabil Frankfurt ist, wird sich gegen die Kleinen zeigen. Vielleicht schon am nächsten Spieltag bei Union Berlin.

Bis dahin haben wir uns sicher auch ein paar neue Metaphern zurechtgelegt. Positive wie Negative. Aktuell weiß man nicht so recht, was man bei den Frankfurtern bekommt. Wie bei einem Erdbeerkuchen. Aber lassen wir lassen das für heute. Bis nächste Woche, liebe Eintracht. Bis nächste Woche, liebe Dreierkette. Bis nächste Woche, liebe Stabilität?

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Tags: Bundesliga, Eintracht Frankfurt, Adi Hütter

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