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Kann das Conte-Inter um den Titel spielen?

Inter Mailand ist einer der größten Vereine der Welt. Nach einigen schweren Jahren qualifizierte man sich die letzten beiden Jahre wieder für die Champions League. Trotzdem musste Luciano Spaletti den Verein verlassen. Für ihn übernahm Antonio Conte. Mit dem 50-Jährigen kamen viele hochkarätige Neuzugänge wie Diego Godin, Romelu Lukaku oder Alexis Sanchez nach Norditalien. Das schürt Erwartungen. Doch kann das neue Inter dem gerecht werden?

Hohe Erwartungen

Antonio Conte ist dafür bekannt, bei seinen Stationen keine lange Anlaufzeit zu brauchen, bis sich die Erfolge einstellen. In seinem ersten Jahr bei Juventus brachte er die erste Meisterschaft seit über 10 Jahren nach Turin und leitete damit deren Sieges-Serie in der Serie A ein. Eine schwache italienische Nationalmannschaft führte er anschließend bis ins Viertelfinale der Europameisterschaft 2016, wo man erst im Elfmeterschießen an Deutschland scheiterte. Nach der EM übernahm er schließlich Chelsea und gewann erneut in seinem Debütjahr die nationale Meisterschaft. Mit Inter Milan steht er nun vor der schweren Aufgabe, seinen Ex-Verein Juventus zu entthronen.

Dafür wurde ordentlich aufgerüstet - und das mit Köpfchen. Um Contes favorisiertes 3-5-2 umzusetzen, holten die Bosse Atleticos langjährigen Abwehrchef Diego Godin. Christiano Biraghi und Valentino Lazaro wurden verpflichtet, um die Wingback-Position mit Qualität zu füllen. Die beiden italienischen Achter Stefano Sensi und Nicolo Barella kamen von Liga-Konkurrenten. Die Star-Transfers aber wechselten aus dem Ausland zu Inter. Genauer gesagt von Manchester United. Der eine, Romelu Lukaku, ist der wuchtige von zwei Angreifern im Conte-System. Der andere, Alexis Sanchez, agiert als leicht hängende Spitze. Mit diesen Coups und dem bisherigen Werdegang von Conte soll Inter schnell wieder zu einer Marke werden. Einer, die mit Leistung besticht.

Das System greift sofort

Am ersten Spieltag fertigte Inter Aufsteiger Lecce mit 4:0 ab. Darauf folgte ein etwas weniger überzeugender 2:1-Auswärtssieg in Cagliari. Erste Prinzipien des Conte-Stils waren aber schon zu erkennen.

Conte setzt stark auf das Spiel über den Dritten in Kombination mit Tief-Klatsch-Tief-Passstafetten. Die Stürmer stellen dabei die zentralen Figuren dar. Lukaku ist für die Umsetzung perfekt geeignet. Der Belgier ist physisch unglaublich stark, hält sich Gegenspieler problemlos vom Leib. Dazu verfügt er über überdurchschnittliche technische Fähigkeiten. Er hat einen tollen ersten Kontakt, kann hiermit sofort seine Mitspieler einsetzen, z. B. als Wandspieler agieren. Lukaku bewegt sich intelligent, ist außerdem in der Lage, wuchtige Läufe hinter die gegnerische Abwehr zu starten. Seine Klasse zeigte er beim dritten Treffer gegen Lecce. Erst legte er einen Pass aus dem Mittelfeld auf seinen Sturmpartner Lautaro Martinez ab. Der konnte sofort mit dem Blick zum gegnerischen Tor abschließen. Lukaku lauerte auf einen Abpraller des Torwarts. Als der kam konnte der Neuzugang ins leere Tor einschieben.  

Für das Conte-System braucht es aber neben hochklassigen Stürmern auch die passenden Mittelfeldspieler. Im Dreiermittelfeld gab Marcelo Brozovic den Anker-Sechser, Stefano Sensi agierte als linker und Matias Vecino als rechter Achter. Brozovic war bereits in der letzten Saison der Fixpunkt im Spiel Inters. Mit 78,8 Pässen pro 90 Minuten spielte er die meisten aller Serie-A-Spieler bei einer Passquote von 90,1 %. Der Kroate ist ballsicher und dafür zuständig, das Spiel zu verlagern und Lücken zu finden. Das Ziel der Nerazurri ist es zwar einen Stürmer anzuspielen, dies tut man aber nicht ungeduldig mit langen Bällen. Stattdessen lässt man den Ball gerne in tiefen Zonen laufen, bis sich eine passende Möglichkeit ergibt, das Leder nach vorn zu spielen. Um diese Ballzirkulation zu ermöglichen, ist Brozovic unersetzlich.

Stefano Sensi als linker Achter nimmt sowohl am Aufbau als auch an der Chancenerarbeitung teil. Der 24-Jährige reifte letztes Jahr bei Sassuolo zum Nationalspieler. Diese Saison war er in beiden Spielen Inters bester Mann. Im ersten Spiel traf er selbst, im zweiten legte er ein Tor auf und holte den Elfmeter zum entscheidenden 2:1 heraus. Sensi ist ein kleiner, pressingresistenter Spieler, der über eine enge Ballführung verfügt. Und auch im Passspiel überzeugt er. So kann er den Aufbau unterstützen oder vor dem gegnerischen Sechzehner auftauchen und dort entscheidende Akzente setzen.

Der zweite Achter im Conte-System hat vornehmend offensive Aufgaben. Auf dieser Position startete zunächst der Uruguayer Matias Vecino. Für ihn wurde in beiden Liga-Spielen eines der interessantesten Talente Italiens, Nicolo Barella, eingewechselt. Beide werden sich diese Saison ihre Einsatzminuten teilen. Ihre Aufgabe wird es sein, durch Bewegungen aus dem Zentrum heraus Gegenspieler auf sich zu ziehen und damit Passwege auf Lukaku zu öffnen. Im Optimalfall setzen die Achter dann ihre Laufwege so fort, dass sie vom Passempfänger durch das Spiel über den Dritten eingesetzt werden können. Dadurch, dass die primäre Aufgabe dieser Spieler ohne Ball stattfindet, kann man ihre Wichtigkeit schnell unterschätzen. Ohne sie würde das Conte-System aber bei weitem nicht so gut funktionieren.

Neben Lukaku, dem Dreiermittelfeld, der zweiten Sturmspitze, die sich um Lukaku herumbewegt und dessen Ablagen verwerten soll, sind die Wingbacks der letzte wichtige Bestandteil von Contes Erfolgsrezept. Sie sollen stets die Breite halten. Im Übergang vom Mittelfeld ins Offensivdrittel ist es ihr Job, diagonale Pässe ins Zentrum auf die Stürmer zu spielen. Einige Male war schon zu sehen, wie ein Wingback genau diesen Pass suchte, der Passweg vorher von einem durchstartenden Achter geöffnet wurde und Lukaku diesen anschließend hinter der letzten Kette per Schnittstellenpass einsetzte. Spiel über den Dritten par excellence!

Interessant: Trotz eines starken Flankenabnehmers wie Lukaku sind die Wingbacks angehalten nicht zu flanken, sondern einen Pass in den Rückraum zu suchen. Besonders gegen Brescia war zu beobachten, wie Inter seinen Gegner immer mehr an dessen Sechzehner zuschnürte. Wenn die Wingbacks den Ball erhielten, zogen sich fast alle gegnerischen Verteidiger in den Strafraum zurück. Inter spielte aber nicht diese überfüllte Zone an, sondern legte den Ball zurück auf einen Mittelfeldspieler. Mit Brozovic und Sensi verfügt man über zwei gute Fernschützen, deren Stärke man gerne einsetzt.

Warum sollte man nicht um den Titel spielen?

Um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, Inter kann um den Titel spielen. Tatsächlich fällt es schwer Gründe zu finden, die dagegen sprechen. Contes Ideen greifen bereits früh und er findet einen Kader vor, der genau die Spielertypen hat, die er für sein System braucht. Bis auf Napoli wechselte jeder Meisterschaftskandidat den Trainer. Inter hat das Glück, mit Conte einen Schnellstarter als Trainer verpflichtet zu haben. Die Kombination aus Kader und Trainer macht Inter nach Juventus Turin zum größten Favoriten auf den Scudetto. Ein Projekt, das zum Erfolg verdammt ist. Und gute Karten hat, tatsächlich ein neues, erfolgreiches Kapitel zu schreiben.

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