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Bremer Saisonstart: Na, was denn nun?

Ja, Werder Bremen dürfte aktuell die am schwierigsten einzuschätzende Mannschaft der Liga sein. In die Saison gestartet mit der Hoffnung auf Europa, gab es die ersten Punkte nun am dritten Spieltag durch einen knappen Heimsieg gegen Augsburg. Fraglos: Das entspricht nicht den Ansprüchen an der Weser. Lang ist die Liste an kleinen und großen Problemen. Trotzdem konnte man seinen Zuschauern phasenweise ansprechenden Fußball bieten und hat auch die Statistik auf seiner Seite. Wo genau steht Werder also nun? 

Werder hat noch viele Probleme

Vor dem Spiel gegen Augsburg stand vor allem das Ausmerzen der Schwachstellen auf dem Programm. Das Verteidigen von gegnerischen Blocks bei Standardsituationen und die Übergabe der Gegenspieler waren ein Thema der Trainingswoche, wie Kohfeldt bestätigte. Drei Eckballgegentore in den ersten beiden Spielen machten dies notwendig. Gegen Augsburg kam dennoch ein weiteres Kopfballgegentor zur Sammlung dazu, auch wenn die Vorlage dieses Mal eine Flanke aus dem offenen Spiel und keine Standardsituation war.

Kohfeldt kritisierte zudem, dass man die Balance aus Chip-Bällen und flachem Aufbauspiel noch nicht gefunden habe. Eigentlich sei man „eine Mannschaft, die kombinieren will“, so der Bremer Chefcoach. Allerdings wolle man gegen hoch pressende Gegner auch mit Chips arbeiten und die Bälle dann vorne festmachen. Am zweiten Spieltag gegen Hoffenheim bekam man aber nicht selten den Eindruck, dass Werder sich etwas zu sehr auf diese Option versteifte und kaum andere Lösungen parat hatte. Gepaart mit dem enormen Zentrumsfokus ergab sich in Sinsheim ein zähes Bundesligaspiel, obwohl das Ergebnis dies nicht unbedingt widerspiegelte. 

Nach den ersten beiden Partien war es Kohfeldt wichtig zu betonen, dass man doch gar nicht so schlecht gespielt habe, wie es die Tabelle und das eigene Punktekonto nahelegen. Schließlich hätten die Gegner bislang sechs ihrer acht Großchancen genutzt - eine verhältnismäßig hohe Quote. Kohfeldt trifft dabei einen Punkt.  Bremen war in keinem der beiden Spielen die schlechtere Mannschaft, man „hätte beide Spiele auch gewinnen können, eines sogar müssen“, so Kohfeldt.

So schlecht ist Bremen doch gar nicht

Neben der Effizienz der Gegner spricht eine weitere Statistik für diese These. Gegen die Fortuna aus Düsseldorf war man nach expected Goals deutlich überlegen, gegen Hoffenheim nahezu gleichwertig. Nachdem man auch das Spiel gegen Augsburg nach expected Goals deutlich für sich entscheiden konnte, steht man in der expected-Goals-Tabelle auf Rang fünf (die Tabelle errechnet sich aus den expected Goals-Werten aller bisherigen Spiele). Nun sind expected Goals nicht der Weisheit letzter Schluss und keine Statistik bietet ein vollumfängliches Bild. Aber die Zahlen zeigen: Bremen ist nicht so schlecht, wie es die Ergebnisse aussagen. 

Das liegt vor allem auch daran, dass Kohfeldt den fußballerischen Ansatz der Vorsaison weiterentwickelt hat. Durch den Abgang von Kruse fehlte der dominante Spieler im eigenen Spielaufbau. Diese Last hat man nun auf mehrere Schultern verteilt. Über weite Strecken definiert sich das Bremer Ballbesitzspiel über flache Kurzpässe. Man sucht bewusst die engen Räume im Zentrum, statt das Mittelfeld schnell zu überspielen (abgesehen von Chips). 

Neuer Schlüsselspieler ist Yuya Osako. Der Japaner hält sich meist im Zehnerraum auf. Dort bewegt er sich klug zwischen den Linien, ist anspielbar, kann mit der Ballannahme aufdrehen und Anschlussaktionen Richtung Tor starten. Dabei ist Osako weniger ballfordernd als Kruse und lässt sich nicht so weit fallen wie sein 'Vorgänger'. Dies kompensiert Werder aber mit der großen Kombinationslust im Mittelfeld, durch die man trotzdem in torgefährliche Räume gelangt. Dass Osako nebenbei auch noch das Toreschießen gelernt hat, ist mehr als ein netter Nebeneffekt. 

Kohfeldt verleiht Bremen neue Qualitäten

Gleichzeitig hat Kohfeldt das Bremer Spiel um neue Facetten erweitert. Das 2:1 gegen Augsburg war eine Traumvorstellung eines Tores, wie es Kohfeldt in der Saisonvorbereitung forciert hat. Nuri Sahin wurde im Mittelfeld nicht von den Augsburgern unter Druck gesetzt und hatte viel Zeit, um den hohen Ball über die Abwehr zu spielen. Beide Stürmer gingen mit perfektem Timing steil, Sargent vollendete technisch hochwertig. So nutzt man Sahins Qualitäten optimal. 

Auch die bereits angesprochenen Chipbälle bereichern das Spiel der Bremer. Dabei betont Kohfeldt deutlich, dass es ihm explizit nicht um das Spiel auf den zweiten Ball geht. Vielmehr sollen gezielte Chips auf die Stürmer und vor die gegnerische Abwehr gespielt werden, die dann weiterverarbeitet werden können. Füllkrug bietet hierfür eine gute Symbiose aus körperlicher Präsenz und der nötigen technischen Klasse, um solche Bälle auch schnell in Richtung gegnerisches Tor weiterleiten zu können, wie gegen Augsburg einige Male geschehen.

Dennoch ist auch in Bremen nicht alles Gold, was glänzt. Häufig ist Werder in seinem Spiel noch zu stark auf das Zentrum fixiert und schafft es selten, den Ball nach Kombination im Zentrum wieder auf die Außen zu spielen. Entweder es geht durchs Zentrum - oder gar nicht. So fehlt es oft an Breite im Bremer Spiel. Die Außenverteidiger sind im Ballbesitz meist stark auf sich allein gestellt und haben wenig Anspielstationen in die Zentrale. Auch tiefe Laufwege der Stürmer sind eine Seltenheit, sobald der Ball auf den Außen landet. Ein Rückpass und der Neuaufbau des Angriffs sind oft die Folge.

Ähnlich wechselhaft wie die Qualität der offensiven Bemühungen ist auch Bremens Defensive. Im Gegensatz zu durchaus berechtigten Befürchtungen vor Saisonstart zeigte man sich über weite Strecken erstaunlich konsequent im Gegenpressing. Vereinzelte Szenen wie die vor dem 2:2 gegen Augsburg trüben diesen Eindruck aber. Hier macht sich nicht zuletzt auch die Verletztenmisere bemerkbar. Mit Toprak, Augustinsson, Veljkovic und Langkamp fehlen vier potentielle Stammkräfte in der Abwehr, wodurch die individuelle Qualität nicht auf dem Niveau ist, wie es Werder bräuchte.

Das Spiel gegen Augsburg stand deshalb exemplarisch für Bremens Stärken und Schwächen in diesem Jahr. Die kombinative Spielanlage funktioniert, die Schlüsselspieler sind gut ins System eingebunden und Wege nach vorne werden gefunden. Gleichzeitig macht man sich das Leben selber schwer. Manchmal fehlt es an Lösungen im Flügelspiel, die individuelle Qualität in der Defensive sorgt für eine wechselhafte Stabilität und die Schwäche bei hohen Hereingaben und Ecken tut ihr Übriges. So musste man auch gegen Augsburg trotz dreier Tore und guter Leistung wieder zittern. Für das Spiel und den gesamten Saisonverlauf gilt: So richtig weiß man noch nicht, woran man bei Werder dieses Jahr ist und was als nächstes kommt. Wie bei einem Überraschungsei.

Tags: Bundesliga, Werder Bremen, Florian Kohfeldt

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